13 Januar 2009
Ura! Ura! Ura!
Jens Bisky schreibt über seine Kindheit und Jugend in der DDR.
Daran ist nichts auszusetzen und das Buch ist so geschrieben, dass mir auch bei schon bekannten Nörgeleien über die Unfreiheit im DDR-System nicht langweilig wird.
Die persönlichen Erfahrungen kann einem niemand nehmen. Empfindungen kann man keinem ausreden.
Was machen die Erlebnisse von Jens Bisky für einen größeren Leserkreis interessant und was ist an dem Erlebten verallgemeinerbar und steht für das System DDR?
Nur wenige Beschreibungen aus Kindergarten und Schule sind mir fremd. Dabei bin ich nicht in der DDR, sondern in der BRD und Westberlin aufgewachsen. Unfreiheit, Gängelei, ideologische Verbohrtheit und die Ausgrenzung der Andersdenkenden kenne ich aus meiner Schulzeit.
Problematisch wird es bei Jens Bisky, wenn er über etwas schreibt, was er nicht erlebt hat und zwei Gesellschaftssysteme vergleichen will, von denen er nur eins in seiner Kindheit und Jugend erlebt hat.
Ein harmloses Beispiel hierfür ist, daß er dem Bericht über seine eigenen Kopfnoten diese Frage anhängt: “Gibt es das Dienstbotencharakterisierungswort ‘rege’ eigentlich im Westdeutschen?”
Ich weiß nicht, was für Schlafmützen die Kollegen von Jens Bisky in der Redaktion der SZ in München sind, aber ich kann von der ersten bis zur zehnten Klasse Zeugnisse vorweisen, in denen steht: “Mitarbeit im Unterricht: konzentriet, rege, interessiert”.
Vielleicht hat Jens sich aber auch nur nicht zu fragen getraut.
Das Argument, Jens Bisky kenne ja nun den Westen aus eigenem Erleben, zählt nicht. Erwachsen sein ist anders. Die Möglichkeiten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, sind für Erwachsene mit guter Schulbildung und einem gut bezahlten Job immer besser als für Kinder und Jugendliche.
Ich möchte unter den damaligen und heutigen Bedingungen nicht wieder unter 25 Jahre alt sein.
Jens Bisky ist ein Jahr jünger als ich und meine Kopfnoten stammen nicht aus Leipzig, sondern aus Schleswig-Holstein. Jens Vater wollte lieber in Leipzig Karriere machen als in Schleswig-Holstein zu bleiben und und sich mit seiner Weltanschauung der Gefahr auszusetzen, im Gefängnis zu landen oder Berufsverbot zu erhalten.
So richtig versteht der Jens das bis heute nicht. “Das mein Vater sich Marxist nannte und der Monopolbourgeoisie auf dem Papier einige Schnippchen schlug, dass er Ideologiekritik trieb, hätte seiner akademischen Karriere in den siebziger Jahren auch an einer westdeutschen Universität kaum geschadet.”
Ich glaube, ich habe dass Maß an Unterwerfung und Anpassung, dass Menschen in der DDR anerzogen wurde, unterschätzt. Manche werden es nie wieder los.
Jens Bisky, Geboren am 13.August, kann man hier bestellen.

